DIY, Elektronik, HiFi, test

Millett’s NuHybrid – (5) – ausführlicher Hörtest

Eine reichliche Woche haben ich den NuHybrid nun bei mir im Einsatz. Jeden Tag fällt mindestens eine Stunde intensives Musikhören dabei ab – am Wochenende ist es deutlich mehr, außerdem genieße ich mit meiner Frau auch gerne mal Filme über Kopfhörer. Jaja, wir sind lieb zu unseren Nachbarn… Ganz grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die tägliche Stunde viel zuwenig ist – das Ding macht süchtig! Aber erstmal der Reihe nach.

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Ich höre über verschiedene Quellen: Am PC hängt ein M2Tech Hiface Dac, im Schlafzimmer steht ein IFI micro iDSD, im Wohnzimmer ein Denon DVD 3930 und in allen anderen Situationen nutze ich noch einen Hifiberry DAC – den allerersten mit dem  PCM 5102A. Meinen Nuhybrid schleppe ich also seit einer Woche von Raum zu Raum um ihn in allen Paarungen mal ausprobiert zu haben. Außerdem mussten verschiedene Kopfhörer* ran:

  • Shure SRH840
  • Beyerdynamic DT 770 32Ohm
  • Beyerdanymic DT 880 edition 600Ohm
  • AKG K271 Studio
  • AKG K701

Technisches

Die NuHybrid ist ein kleine Diva, die gleich zwei Star-Allüren mitbringt:

  1. Die Nutube neigt unverholen zur Mikrophonie. Wie Korg sich das in einem Gitarrenverstärker oder gar Bodeneffektgerät vorstellt, erschließt sich mir nach den ersten Erfahrungen wirklich nicht. Egal, was Sie mechanisch anstellen – Gehäuse antippen, den Kippschalter beim Anschalten schön schnippen lassen, den Verstärker zurechtrücken und dabei über die Stellfläche ziehen – alles wird mit hochfrequentem Sirren und Pfeifen beantwortet. Dieser Tinnitus braucht so 10-20 Sekunden um abzuklingen.
  2. Sie spielt nicht mit jedem sondern hat krasse Vorlieben. Vergessen Sie In-Ears und alles unter 250Ohm! Faustregel: Besser hochohmig und gerne leistungshungrig und offen. Der Shure (geschlossen, 40Ohm) reproduziert merkliches Brummen und Rauschen, klingt dumpf und immer zu laut. Der K701 kann die Spannung von bis zu 6 Volt gebrauchen, wirkt aber an der NuTube immer ein wenig angestrengt, komprimiert und hart. Ebenso der DT770. Bei 32 Ohm Impedanz rauscht es immer ein wenig, so dass beispielsweise bei Kammermusik viel Spannung verloren geht. Und Leisehören geht damit ebenfalls nicht. Den Traumpartner findet Pete Milletts Zögling im DT880 edition (600Ohm). Da stimmt auf einmal alles. Und das klingt dann so:

Dynamik

Butterweich geht der kleine Hybridverstärker zu Werke, feindynamisch hochspannend, aber in der Grobdynamik, in allen Impulsen und Transienten eher sanft. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Sie können sich schon prima erschrecken, wenn Dizzy Gillespie in „Frelimo“ plötzlich aus der Hüfte schießt. Und auch die kleine Trommel im ersten Takt von Poulencs Konzert für zwei Klaviere setzt mächtig Adrenalin frei. Aber eben stilvoll. Wo man dem DT880 gern Schärfe nachsagt ist hier alles eitel samtene Eleganz. Das geht laut und lange.

Frequenzbereiche

Tonal zeigt sich Milletts Konstruktion mustergültig – der Bass ist voluminös bis mächtig, dabei aber fein durchgezeichnet und kontrolliert. Er kann so knarzig und wuchtig daherkommen, dass Sie vergessen, dass Sie gerade nur Kopfhörer aufhaben.
Der Grundton ist einfach da – unauffällig, genug, um glaubhafte Körperhaftigkeit zu vermittleln, wenig genug um auf Lange Sicht nicht zu nerven.
Die Mitten sind wie bei den besten Single Ended Trioden klangfarbenstark und das wahre Fundament der Musik. Kennen Sie das – Aufnahmen, bei denen Sie im Booklet nachlesen müssen, ob Sie da gerade eine Klarinette oder ein Saxofon hören? Ja? Das ist mangelndes Auflösungsvermögen im Mittelton. Ich sage nicht, dass das mit dem Millett gar nicht mehr vorkommt, für die Aufnahmen kann er ja nichts. Aber dieses Gefühl, dass alles genau das ist, wonach es sich anhört – das ist richtiges Hifi und in diesem Gerät verdammt gut umgesetzt.
Die Höhen sehe ich kritisch. Samtig und detailreich ja, aber auch sehr anfällig für Klirr und andere Unbilde. Den von Pete Millett offen zugegebenerhöhten Klirr hören Sie, wenn Sie hoch ausgesteuerte Musik richtig laut hören wollen, und zwar im Hochton zuerst. Der Song „Brother? Brother!“ auf der gleichnamigen CD von Anne Ducros ist da ein schlimmes Beispiel.

Räumlichkeit und Auflösung

Räume reproduziert der NuHybrid an den richtigen Kopfhörern zum Niederknien schön. Weit, luftig zum Reinkriechen und Wegträumen. Faszinierend auch, dass Entfernung und Auflösung kein Widerspruch sind. Bei „Larry The Spinning Poodle“ von Bruce Katz bewegt sich das Saxophon immer leicht vor dem Mikrofon hin und her, räumlich dahinter findet im Klavier ein wilder Ragtime statt, aber da fehlt nichts. Suber aufgestellt, klar nachvollziehgbar und mit analytischen Kopfhörer ganz großartig durchhörbar ohne zu zerfallen.

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Was für ein fein glimmender Staubfänger. Der Millett NuHybrid ist für technisch affine Menschen durchaus hübsch anzuschauen. Wie lange das in den üblichen Staub-Dimensionen eines deutschen Haushalts noch so bleibt, ist ungewiss. Zur Notbekommt er später doch noch ein geschlossenes Gehäuse. Der Signal-Rausch-Abstand wird’s danken.

Fazit

Pete Millett ist mit seinem NuHybrid ein tolles Gerät zum Musikhören gelungen. Wer noch nie mit ernsthaftem Hifi zu tun hatte oder wissen will, was den Reiz von Röhrenvorstufen ausmacht: Hier ist der simple approach, der leichte Einstieg ins Selbermachen, ins Kennenlernen und dabeibleiben – er ist schnell aufgebaut, setzt wenig Kenntnisse und noch weniger Wissen voraus. Dazu gibt er sich so langzeittauglich wie wenige andere Komponenten, die ich kenne. Die Macken, die er hat, sind mit dem passenden Kopfhörer, einem guten Aufstellungsort (und dem Verzicht auf totkomprimierte Popmusik) gut in den Griff zu kriegen. Was dann kommt, ist einfach nur Spaß!

 
Gehörte Musik:

  • Stavanger Symphony Orchestra, Ole Kristian Ruud: Geirr Tveitt – 100 Folk Tunes (FLAC, 16/44.1)
  • Oregon – Oregon (FLAC 16/44.1)
  • Dizzy Gillespie – Dizzy’s Big 4 (FLAC 16/44.1)
  • Anne Ducros: Brother? Brother! (FLAC 24/44.1)
  • Bruce Katz Band: Transformation (FLAC 24/96)
  • Malaysian Philharmonic Orchestra, Claus Peter Flor: Dvořák, Symphony No. 7 (DSD)
  • Joël Grare, L’Ensemble Paris Istanbul Shanghai: Paris Istanbul Shanghai (FLAC 16/44.1)
  • Anima Eterna Brugge, Jos Van Immerseel: Poulenc – Œuvres pour clavier & orchestre (FLAC 24/44.1)
  • Badbadnotgood: IV (FLAC 24/96)
  • Feuerwerk für Orgel – Gerhard Oppelt an der großen Orgel der Lindenkirche Berlin Wilmersdorf (FLAC 16/44.1)
  • SWR Sinfonieorchester, Ernest Bour: Maurice Ravel – Le tombeau de Couperin (FLAC 16/44.1)
  • Bojan Z – Xenophonia (FLAC 16/44.1)

*[Warum da kein echtes High-End-Geschoss dabei ist? Ist ein anderes Thema – hat was mit persönlichen Ansichten zu tun. Bericht ist Arbeit.]

Standard

2 Gedanken zu “Millett’s NuHybrid – (5) – ausführlicher Hörtest

  1. Pingback: AC iPurifier | Wirft Licht auf Töne

  2. Matthias schreibt:

    Vielen Dank für diesen schönen Bericht. Ich habe auch das Hifi Hobby und habe mit verschiedenen Kondensatoren experimentiert und finde die Kondensatoren von Röderstein (Blau, Schwarz und Rot) und die Mundorf Kondensatoren holen bei den Schaltungen noch einmal deutlich etwas raus. Haben sie schon mal probiert diskrete Operationsverstärker in dem Kopfhörerverstärker zu nutzen zum Beispiel die V6 Classic von Burson Audio?
    Viele Grüße aus Schleswig Holstein

    Liken

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