Branche, Elektronik, HiFi

Ist das alles?

Das war jetzt mal neu ausgiebige Hörsession mit der Firma Burmester: Die dreieinhalb Stunden Autofahrt mit der V-Klasse von Mercedes-Benz lassen mich doch recht ernüchtert zurück. Da herrscht Pseudoauflösung durch jede Menge Hochton-Energie, es geht auch richtig laut, liefert aber wenig Einsicht ins musikalische Geschehen. Wo sind die Phrasierungen, was ist mit der Feindynamik passiert? Im schicken Luxus-Van passiert emotional gar nix bei mir. Klar, Autos sind keine audiophilen Räume – daran ändert auch Burmester nichts. Doch warum gibt ein Hersteller mit gutem Ruf seinen Namen für etwas her, was nicht überzeugen kann? Und wie sieht der typische Käufer für sowas aus? Bestellt der die Burmester-Anlage, weil es serienmäßig nichts Besseres gibt? Oder lockt der Markenname solvente Kundschaft an, die daheim auch mit dem Küchenradio von Bose zufrieden ist, und jetzt – typisch deutsch – im Auto „das Beste“ haben will?

Wie schon gesagt – ziemlich ratlos.

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Branche, DIY, Elektronik, Röhren

Neue Röhren – für und wider

Worum geht es hier: Es geht um eine tatsächliche Neuerfindung im Bereich der guten alten Elektronenröhre, was die Enthusiasten drüber denken, was die DIY-Szene damit macht und letztlich auch, was „der Markt“ mit solcherlei Exotenkram anstellt.

The Korg Nutube

Image by Pete Millett

Der Anfang war wohl am 22.91.2015, als Korg und Noritake, der eine versierter Vordenker und Hersteller von Synthies, Studiozubehör, E-Pianos und Effektgeräten, der andere nicht weniger versierter Hersteller von TFTs und von Vakuum-Fluoreszenz-Displays, bekanntgaben, dass Sie ein neues revolutionäres Produkt ersonnen hätten: Die KORG Nutube, eine Elektonenröhre für Korgs Effekgeräte auf Basis der VFD-Technologie von Noritake. Die Ähnlichkeit der Grundprinzipien liegt auf der Hand: Eine direkt geheizte Kathode emittiert Elektronen durch ein Vakuum auf eine positiv geladene Anode, die mit Phosphor behandelt ist. Diese leuchtet. Ein elektrisch geladenes Gitter regelt die Helligkeit. Soweit ist das von der guten alten Triode nicht entfernt.

Die Selbstbauer bei DIYAudio.com entdeckten die Neuigkeit dann 8 Tage später. Und schon entspannen sich zahlreiche Beiträge über das prinzipielle Für und Wider. Da gab es jene, die angesichts der riesigen Restbestände an billigen Kleinspannung-Röhren (z.B. für Hörgeräte und Autoradios) den Sinn anzweifelten, und solche, die sich fragten, was von der Zukunftssicherheit zu halten sei, wenn man Schaltungen entwickle, deren verstärkender Hauptbestandteil nur von einem Hersteller möglicherweise“ als Testballon“ zur Verfügung gestellt werde. Und es gab jene, die VFDs aus Videorecordern und Autoradios schon testweise in Vorstufen verwendet hatten und Schlimmes berichteten: Die Dinger klingen überhaupt nicht. Kunststück – Sie wurden nie dafür gebaut!

Mich ließ das etwas ratlos zurück: Da ist die Elite der Selbstbauer. Für mich sind das die Leute, die das ingenieurmäßige „Sieht interessant aus, da mach ich was draus!“ täglich leben. Und diese Leute reden einen innovativen technischen Ansatz erstmal klein?

The NuHybrid PCB (Image by Pete Millett)

Zum Glück ist es dabei nicht geblieben: Im Jahre 2017 kamen die ersten Vorschläge, die man ernst nehmen konnte. Und einen davon werde ich bauen und davon an dieser Stelle berichten: Pete Millett ist ein Urgestein. Sein Hybrid-Kopfhörerverstärker erfreut sich seit 2002 großer Beliebtheit, ist hundertfach nachgebaut und eifrig optimiert worden. Seit 2016 macht sich Millett für die Nutube stark. Er hat erreicht, dass Korg überhaupt kleinere Stückzahlen an OEMs ausliefert.

Seit März 2017 gibt es von ihm den NuHybrid und einen Röhrenbuffer auf Nutube-Basis.

Millett NuHybrid Headphone Amp (Image by Pete Millett)

Den NuHybrid finde ich hochinteressant. Wenn die Röhre auch nicht billig ist (ca. 50€), so gibt Millett die professionell gearbeitete Platine für den Kopfhörerverstärker doch kostenlos dazu. Eine andere Beschaffungsmöglichkeit für die Nutube kenne ich derzeit sowieso nicht. Besonders schön: Milletts Projekte sind sehr gut dokumentiert mit Aufbauanleitung, aktiver Fehlerbereinigung im Forum bei Head-Fi und einer vollständigen Einkaufsliste bei Mouser(!). Das ist schon Service der besonderen Art.

Threads lesen, Detailentscheidungen treffen und bestellen sind Dinge, die bei mir immer etwas dauern, aber seit gestern Abend sind alle Teile, die ich nicht noch rumfliegen hatte, geordert. In ein paar Wochen geht es los, dann kommen auch selbstgemachte Fotos…

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Branche, In eigener Sache, Musik

Heute ist ein guter Tag

Seit die Deutsche Telekom mit StreamOn ein Vertragskonstrukt anbietet, das den Datentransfer bestimmter Streaming-Dienste („Partner“) nicht mehr ins monatliche Datenvolumen fallen lässt, bin ich dabei. Ich kenne die Diskussion um die Netzneutralität. Ich habe die AGBs für Partner gelesen. Und ich habe „meinen“ Streaminganbieter gefragt, ob sie nicht Partner werden wollen. Denn was habe ich von StreamOn? YouTube nutze ich nur sporadisch, beim ZDF schaue ich gelegentlich mal eine Folge Bares für Rares, das war’s dann auch schon. Aber meinen Streaming-Dienst, der mich als Sublime-Kunde schon ne Menge Geld kostet und den ich gerade wegen seiner kleinen Klassik-Labels liebe und schätze – den nutze ich unterwegse immer mit diesem doofen Hintergedanken: Eine Stunde gehört – sind schon wieder 380MB weg. Kannste ja eigentlich zu Hause in die Offline-Liste laden, geht ja auf’s Datenvolumen.

Das ist nicht sonderlich entspannt.Bis jetzt.

Das lange Warten scheint sich gelohnt zu haben: Qobuz ist seit neuestem dabei, und die Streaming-Welt bekommt das Gesicht, das sie in der Werbung immer trägt: Voller Zugrif, immer und überall.

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Branche, HiFi, Messe

(Very) personal Loudspeaker und andere Spezialitäten

Es ist wieder soweit. Am ersten Wochenende im Februar lädt das HifiStudio Bramfeld ins Hamburger Holiday Inn zum „Hörtest 2017“ ein. Das Event hat Tradition, ist aufgrund seiner Größe durchaus repräsentativ für den Markt und aufgrund seiner Lage auch noch relevant: Es gibt im Norden Deutschlands nichts Vergleichbares. Dazu ist auch noch der Eintritt kostenlos. Aber das bringt Probleme mit sich: Wieder sind es mehr Marken und Aussteller geworden, wieder droht es gnadenlos voll zu werden.

Ich möchte in diesem Artikl mal versuchen – aufbauend aus den Erfahrungen der letzten 11 Jahre – ein paar Empfehlungen auszusprechen. Was droht interessant zu werden?

  1. Titelgebend für den Artikel ist ein seehr spezielles Produkt: Michael Sombetzkis ESL HOME, ein extremes Nahfeld-Konzept. Ein Paar Elektrostaten, Hörabstand zwischen 60 und 80 Zentimeter, 7500€. Ich weiß nicht, ob er diesen installierbaren Kopfhörer, diesen Ein-Mann-Lautspecher, auf eine Messe mitnehmen würde. Die Vorführung erreicht schließlich immer nur einen Hörer. Aber spannend wäre es. Und mit Nachfragen muss er aufgrund der Besprechung in der aktuellen LP eigentlich rechnen.
  2. Christian Isenberg kommt aus seinem Hinterhof und wird wie in jedem Jahr was Feines auf die Beine stellen. Es gab noch kein Jahr, in dem die Vorführkette nicht irgendwas Besonderes zu bieten hatte, was angesichts des überschaubaren Markenportfolios von echter Leidenschaft zeugt. Auch gab es noch kein Jahr, in dem es bei ihm schlecht geklungen hätte, und das hat wohl mit richtig viel Kompetenz zu tun. Sollte man erlebt haben.
  3. Jean Marie Reynaud macht sympathische Lautsprecher. Irgendwie anders, sehr unaufgeregt, fair bepreist, ohne Angeberpotential und ohne Effekthascherei. Der deutsche Vertrieb (H.E.A.R.) führt in der Regel an den vorzüglichen Verstärkern von Audiomat vor – bleibt zu hoffen, dass HEAR auch JMR eingepackt hat. Im letzten Jahr versuchte man mit Wandlern von deVore zu punkten. Aus meiner Sicht kein gute Idee.
  4. Die Neuauflage der deutschen Vinylkultur (ich meine die Ära vor den Chrom-Bohrinseln und Acryl-Altären) stand letztes Jahr vor der Tür. Nicht nur sprichwörtlich. Die sehr ansehnliches Neuentwicklungen von Perpetuum Ebner standen auf dem Flur und gaben keinen Mucks von sich. Schön wär’s, wenn sich das in diesem Jahr mal änderte. Sonst kommt man noch auf die Idee, das wäre alles nur ein Marketing-Gag, oder?
  5. Zum Schluss brauchts der Vollständigkeit halber noch Hörner. Da Basil Martion in diesem Jahr nicht da sein wird um die Hamburger Fischköppe mit dem Einhorn durchzulüften, mache ich mal einen Vorschlag: Odeon mit Verstärkern von NEM (hier ein anschaulicher Bericht bei 6moons) und Plattenspieler von Reed. Viel viel Eisen, Holz und die coolsten Tonarme der Welt. Alles von großartigen Handwerkern. Das sollte die ärgsten Entziehungserscheinungen lindern.

Ich freue mich aufs nächste Wochenende!

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japanese-hifi-store-1930

Branche, HiFi

Japanisches Radio-Geschäft, ca.1930

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Branche, HiFi, Uncategorized

Wie kaufe ich eine Stereoanlage für 3000€ – Teil 2

 Empfehlungen zur Stereoanlage, Teil 2: Händler und Probehören

1. Vorbereitung und Einstieg

Du solltest auf jeden Fall mehrere Termine bei verschiedenen Händlern wahrnehmen.

HiFi-Händler haben außerdem immer nur einen Ausschnitt aus dem Markt im Angebot, kommt darauf an, mit welchen Vertrieben sie zusammenarbeiten. Wenn Du also einen Lautsprecher von Triangle mit einem von DALI vergleichen möchtest, kann es sein, dass Du in Deiner Stadt keinen Händler findest, der beide im Angebot hat. Die Einschränkung hat aber auch was für sich: Ein kleineres Portfolio spricht eher dafür, dass der Händler nach Überzeugung entscheidet und seine Produkte wirklich kennt, schätzt und einschätzen kann.

Schildere, was Du suchst und lass Dich mal darauf ein, und höre auf dein Bauchgefühl. Hat man Dich ernstgenommen? Hat man Dir zugehört?

Ein guter Händler fragt, was Du für einen Raum beschallen möchtest und ob Du schon was Bestimmtes im Auge hast. Und ja, er fragt auch, wie viel Geld Du ausgeben möchtest. Das ist notwendig.

Erst Idee zur Investition: 1000€ für die Elektronik, bis 1800€ für die Lautsprecher, 150€ für Kabel. Wenn man Dir dafür nichts anbieten kann/möchte, geh wieder.

Wenn man Dir Zubehör für mehr als 10% der Gesamtsumme verkaufen möchte, lehne ab.

Wenn man Dir Steckerleisten und Stromkabel anbietet, lehne ab.

Wenn man Dir Produkte anbietet, die Du nicht verstehst, lass Sie Dir vorführen.

2. Hören

Unser akustisches Gedächtnis ist tückisch, von einer Hörerfahrung zur nächsten reduziert sich unsere Erinnerung auf wenige Kernpunkte, überhöht diese und determiniert damit die nächste Hörerfahrung. Notizen machen kann helfen. Ansonsten hilft es nur, nach Modell A, B und C nochmal A anzuhören. Überraschung garantiert.

Sieh Dir den Vorführ-Raum des Händlers mal genauer an: Ist das größentechnisch und akustisch überhaupt mit Deinem Wohnzimmer überhaupt vergleichbar? Wenn nicht, kannst Du Deinen Favoriten auch zu Hause testen?

Nimm eigene CDs mit, die Du gut kennst: Große Besetzung, kleine Besetzung, menschliche Stimme, etwas mit viel Dynamik, etwas mit klaren Rauminformationen, etwas mit vielen Details und auch etwas mit extremem Bass.

Nimm Dir Zeit. Du gibst vielleicht ein paar Tausend Euro aus. Glaube mir – nachher zu Hause zu sitzen und der Zweifel kriecht in Dir hoch – das ist das Gegenteil des Gefühls, das Du gesucht hast.

3. Reden und Zuhören

Sei kritisch – hörst Du wirlich oder meinst Du hören zu können, was Dir der Verkäufer suggeriert. Das ist ein schwieriges Umfeld: Wenn der Fachhändler die Aufnahme kennt und dazu die Stärken wie Schwächen seiner Produkte, dann weist er natürlich gezielt auf einzelne Aspekte hin. Das ist alles in Ordnung, so lange es um Hörerfahrungen geht.

Es gibt Händler, Die Ihre Kunden einfach mal für ne halbe Stunde allein lassen. Sie beeinflussen in dieser Zeit mal gar nicht. Das ist großartig und viel zu selten.

Die Lebensgeschichte und die Überzeugungen der Entwickler, die Philosophie von Anbietern, die vermeintliche Exklusivität, technische Eigenständigkeit oder auch die besonders ausgeprägte Fertigungstiefe von Herstellern sind nette Geschichten, sie sind Verkaufsmasche – noch lange kein Klang. Natürlich macht es Spaß sich mit Insidern über Genies und ihre Schöpfungen auszutauschen. Superseltene Röhren, abgefahrene Schaltungskniffe und Bedienkonzepte, die auf den ersten Blick total schräg wirken, teure Materialien, am besten aus der Raumfahrt, aufwendige Verarbeitung, das kann alles sehr unterhaltsam sein und helfen, sich mit einem Produkt anzufreunden. Diese Vortragsart kann aber auch manipulativ eingesetzt werden. Schließlich möchte der Proband – sorry  – der Kunde nicht so gern zugeben, dass er die rhodinierten WBT-Buchsen allein im Hörtest nicht von Gold und Kupfer unterscheiden könnte. Sie sind halt am doppelt so teuren Lautsprecher dran und damit Teil seiner „Geschichte“.

4. Fazit

Wenn Sie nun nach dem Lesen denken, HiFi-Händler seien schlimme, manipulative Verticker, die einem nur die Argumentationsketten der Vertriebe vorbeten, dann ist das natürlich ein falscher Eindruck. Die allermeisten sind fachkundig, haben Überzeugungen und wollen, dass die Leute zu Hause besser Musik hören. Das kann gar nichts Schlechtes sein.

Sie betreiben ein Gewerbe, von dem es im Gegensatz zu Drogerien nicht an jeder Ecke ein Ladengeschäft gibt. Der Wirkungskreis ist also groß. Sie verkaufen Produkte, deren Preisgestaltung sich oft erst beim genauen Hinsehen erschließt. Und sie haben in der Regel viele Jahre Erfahrung, so dass auch die eigenen Ansprüche recht hoch sind. In der Konsequenz und bezogen auf Informationsaustausch im Internet bedeutet das, dass viele Menschen zu den wenigen Händlern eine Meinung haben. Es bedeutet auch, dass man nicht jedem Menschen vermitteln kann, wozu es Vollverstärker für 10.000 Euro gibt. Und letztlich führt das dazu, dass im Netz viele Händler als arrogant, überheblich, abgehoben oder anmaßend beschrieben werden. Das ist oft genug ein Missverständnis, dem man nur beikommt, wenn man einfach mal hingeht und sich beraten lässt.

 

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